Die Chance für Balance zwischen Anspruch und Realität

 

Die Gesellschaft erwartet freundliche, engagierte und erfolgreiche Lehrer. Dasselbe erwarten viele Lehrer von sich auch und merken nicht, dass sie diesen Erwartungen nicht gerecht werden können. Viele sind unzufrieden mit ihrer Arbeit, der Schulsituation im Allgemeinen und der großen Belastung in Konfliktsituationen. Häufig fühlen sich Lehrer mit ihren Problemen alleingelassen, weil es außer wenigen Fallbesprechungs- und Supervisionsgruppen keine professionelle individuelle Unterstützung gibt. In der Studie zum Thema „Gesundheit an der Schule“ der Arbeitsgruppe des Freiburger Prof. Dr. Joachim Bauer mit Daten aus dem Untersuchungszeitraum von 2005 bis 2008 wird dokumentiert, worüber sich die Lehrerschaft schon lange im Klaren ist. Das Lehren ist ein erfüllender und äußerst abwechslungsreicher Beruf, aber auch ein anstrengender und teilweise extrem fordernder.

Mithilfe des „General Health Questionnaire“ (GHQ), einem Messinstrument, welches auch von der WHO verwendet wird, lassen sich stressbedingte, medizinisch relevante Gesundheitsstörungen bei Erwachsenen messen. Basierend auf den Forschungsergebnissen von Prof. Dr. Bauer wurde auf der Landespressekonferenz der GEW zum Thema Lehrergesundheit am 7.10.2008 Folgendes dokumentiert: „Personen, die im GHQ jenseits eines Cut-Off-Wertes von 4 liegen, leiden an einer medizinisch relevanten, stressbedingten Gesundheitsstörung. Während sich im Durchschnitt der Bevölkerung 11%-15% in diesem „roten Bereich“ befinden, sind es bei knapp 1.000 untersuchten baden-württembergischen Lehrkräften 30%.“ Des Weiteren: „Mehr als quantitative fallen allerdings qualitative Belastungsfaktoren ins Gewicht. […] Die durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass Aggressivität und Feindseligkeit von Seiten der Schüler, aber auch der Eltern auf messbare Parameter der Lehrergesundheit am stärksten „durchschlagen“.“ Neben den höchsten Belastungsfaktoren werden im Weiteren protektive Faktoren wie Wertschätzung von Schülern und Eltern, Zusammenhalt im Kollegium und Unterstützung durch die Schulleitung genannt.

Meiner Meinung nach ist die Wertschätzung einer der ausschlaggebenden Faktoren, der essentiell für Wohlbefinden und Gesundheit im pädagogischen Berufsfeld ist. Für mich persönlich bedeutet dies im Beziehungsgeflecht der Erziehung, als Pädagoge einen Zustand bewusst wahrzunehmen, diesen ohne Bewertung zu artikulieren und, wenn nötig, zu verändern. Gegenseitige Wertschätzung ist die Basis jeglicher Beziehung. In dem Moment, in dem sich der einzelne Pädagoge wahrhaftig bewusst wird, wie er sich verhält und warum er in entsprechender Weise handelt, kann er selbstbewusst erziehen und mit entsprechender Resonanz von Schüler- und Elternseite rechnen.

Die Chance des Coachings besteht nun darin, einen Ist-Zustand in unterschiedlichen Sektoren des pädagogischen Berufsfeldes individuell wahrzunehmen, sich im Folgenden bewusst mit den einzelnen Sektoren auseinanderzusetzen, um Anspruch und Realität zu überprüfen. Der Moment des Bewusstwerdens ermöglicht jedem einzelnen Pädagogen, einen Prozess in Gang zu setzen, der für nachhaltige Veränderungen im Berufsalltag sorgt. Es bieten sich endlich neue Chancen, die zur Zufriedenheit und gegenseitigen Wertschätzung führen werden. Das Ziel des Coachings ist es, einen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen und zu begleiten, der eine Balance zwischen der Fülle der Anforderung und der Freude an der eigentlichen Tätigkeit des Lehrens schafft. Je früher ein Pädagoge mit Coaching in Kontakt kommt, umso bewusster und aktiver entwickelt er seine Persönlichkeit als Lehrer.